Muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehwirtschaft Besonderheiten am Weinkirnhof

Am Weinkirnhof wird die muttergebundene Kälberaufzucht ab der Geburt bis zu Beginn des 4. Lebensmonat seit 2013 praktiziert. Es handelt sich dabei um eine naturnähere Aufzucht der Kälber und gilt im Bereich der Milchviehwirtschaft durchaus als „exotisch/außergewöhnlich“. Denn in der Regel werden Kälber auf milch-produzierenden Betrieben (egal ob biologisch oder konventionell) sofort oder wenige Tage nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. 

 

Naturnahe Aufzucht und Lebensweise unserer Tiere ist uns trotz "Produktionsdruck" sehr wichtig. Aus diesem Grund werden die Kälber nicht wie üblich kurz nach der Geburt von den Muttertieren getrennt.

 

Unsere Kälber leben am Weinkirnhof bei ihren Müttern und dem Rest der Milchkuhherde und saugen bis sie zu Beginn ihres 4. Lebensmonat abgestillt werden. In diesen ersten Monaten trinken die Kälbchen zwar Teile der Milch, die andere Bauern verkaufen, jedoch nehmen wir diese Tatsache hin und erfreuen uns an dem Anblick Mutterkuh und Kalb gemeinsam auf Weide und im Stall laufen und leben zu sehen.

 

Außerdem gibt es neben dem Hauptgrund, demTierwohl eine Handvoll weitere überzeugende Vorteile der naturnahen muttergebundenen Aufzuchtmethode: Denn wer könnte besser für das Wohlergehen des Kindes sorgen, als die eigene Mutter?

 

Die muttergebundene Aufzucht hat laut Untersuchungen einen positiven Effekt auf den sozialen Zusammenhalt und das soziale Gefüge in der Herde. So kann ein natürlicher Herdenverband entstehen.

 

Den Kälbern werden natürliche Lernprozesse durch Nachahmung älterer Tiere ermöglicht, was unter anderem zu einer natürlichen, frühen Raufutteraufnahme und einem artgerechten Verhalten führt.

 

Durch das Saugen an der Mutterkuh verfügen die Kälber über einen höheren Immunstatus. Die Milch die unsere Kälber trinken kommt ausschließlich aus dem Euter. Somit haben wir keine Probleme mit Kälberdurchfall und sparen uns das Aufwärmen der abgemolkenen Milch und das Füttern der Kälber mit dem "Nuckeleimer".

 

Positiv ist außerdem, dass die Kälber durch ihre Neugier schon sehr früh den Melkstand und ihre Umgebung erkunden und sich eigenständig über die Weide bewegen können.

 

Die Kälber wachsen in einem natürlichen, vom Menschen weitgehend unabhängigen System auf und sind in den Wintermonaten sowie auch in der Weidezeit stets mit der Herde unterwegs.

 

Im muttergebundenen Aufzuchtsystem können alle arteigenen Verhaltensweisen ausgeführt werden.

 

Vom wirtschaftlichen Standpunkt ist das muttergebundene Aufzuchtsystem konkurrenzfähig: Unseren Beobachtungen zur Folge wird durch das natürliche Saugen des Kalbes die ermolkene Milchmenge logischerweise in den ersten Monaten verringert. Gleichzeitig regt jedoch das Saugen die Produktion an und dies erhöht die Milchleistung nach dem Abstillen wieder. Unter dem Strich bleibt eine für uns ausreichende Menge zum Verkauf übrig. Wir wollen von diesem Weg vor allem aufgrund unserer moralischen Überzeugung nicht mehr abkommen. 

 

Wie geht's weiter nach dem Absetzen von der Mutter?

Sowohl männliche als auch weibliche Kälber werden mit Beginn  des 4. Lebensmonats abgesetzt.

Anschließend bekommen die Kälber als Beistand (im Winter im seperatem Stallbereich) eine Ammenkuh (alte Milchkuh), die die Jungtierherde im Sommer auf eine eigene Weide führt und dort leitet. 

Dieses System hat sich als absolute WIN-WIN-WIN-Situation herausgestellt. Die Kälber bekommen noch ein wenig Milch bei der Amme, um langsam aber sicher vom Saugen entwöhnt zu werden. Die Amme ist eine meist eine alte Milchkuh, die nicht mehr gemolken wird und kann ihren Lebensabend auf der Weide verbringen, ohne gemolken zu werden. Auch für uns ist es eine enorme Arbeitserleichterung, denn eine gute Amme stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Jungtierherde. In dieser Herde bleiben die weiblichen Tiere bis sie ca. 1,5 Jahre alt sind, können vereinzelt aber auch früher oder später zur Milchkuhherde stoßen.

Interessant ist, dass wir auch in unserer Milchkuhherde beobachten können, dass sich oft zwei Kühe auf die Kälber aufpassen, während der Rest der Herde grast.

Wir ziehen jedes Jahr ca. 3 bis 4 weibliche Jungtiere auf diese Art und Weise groß.

 

Doch was passiert mit den Kälbern oder Jungtieren die nicht am Weinkirnhof bleiben?

Wichtig  ist uns, dass unsere Kälber NIE als Kalbfleisch verkauft werden. Das wissen wir, denn wir sehen uns die Käufer genau an und kennen unsere Abnehmer sehr gut. Die weiblichen werden an verlässliche Partner als Zuchtkälber verkauft und werden somit Milchkühe oder oft (Idealfall) als Mutterkühe eingesetzt.

 

Die männlichen Kälber kommen nach dem Abstillen zu Beginn des vierten Lebensmonat zu einem bestimmten Bio-Mast-Betrieb mit Auslauf und Strohliegeflächen und werden mit 26 bis 30 Monaten geschlachtet. Trotzdem arbeiten wir an einem Weidetierprojekt (Weideochsen und Weidekalbinnen) das wir bis 2020 realisieren wollen, um den Stierkälbern ein noch naturnäheres Leben zu ermöglichen.

 

 

Fütterung am Weinkirnhof & Langlebigkeit der Kühe

Seit 2015 freuen wir uns über zertifizierte biologische Fütterung und biologische Weideflächen. Wistellen seit einigen Jahren auf kraftfutterfreie Fütterung um und verzichten somit auf leistungssteigerndes Fertigfutter. Neu integrierte Milchkühe werden von Anfang an ohne Kraftfuttersticks aufgezogen und kommen daher sehr gut mit dem Grundfutter aus. (frisches Weidegras, Heu, im Winter: Grassilage). Mittlerweile ist die halbe Herde kraftfutterfrei.

 

Dadurch kann man am Weinkirnhof nicht von Hochleistungskühen sprechen. Weder die Fütterung noch unsere Zuchtabsichten zielen auf extreme Milchleistungen ab. Unsere Fleckviehkühe sind eine Zweinutzungsrasse (Milch-und Fleischrasse) werden explizit auf Fitness und Langlebigkeit gezüchtet. Daher erzielen wir am Weinkirnhof ein sehr hohes Milchkuh-Durchschnittsalter. Bis zu 14 Jahren leben unsere Milchkühe. In der Regel werden sie zwischen 10 und 12 Jahre alt.

 

Medizinische Versorgung & Fortpflanzung

Den Grundstock der medizinischen Behandlungen bilden homöopathische Heilmittel.

Wir verzichten auf den vorbeugenden, leichtfertigen Einsatz von Antibiotika. In größeren Zeitabständen in ist es heiklen Fällen notwendig gezielt Antibiotika anzuwenden. Am Weinkirnhof sprechen wir von 5 bis 8 Behandlungen in einem Zeitraum von 5 Jahren. 

Wenn unsere Milchkühe nicht tragend/schwanger werden, kann es am Weinkirnhof auch mal einige Zeit dauern, da wir hormonellen Behandlungen zur Förderung einer schnelleren Schwangerschaft sehr kritisch gegenüber stehen und diese nicht  zur Anwendung kommen.

Im Moment wird die Befruchtung noch vom Tierarzt vorgenommen. Unsere Absicht ist es in den nächsten Jahren auf natürliche Fortpflanzung durch einen Stier umzustellen, da die künstliche Besamung für uns keine zufriedenstellende Lösung ist.

 

Kurzrasenweide & Auslauf

Unsere tolle Lage außerhalb des Ortes und unsere an den Stall angrenzende Weideflächen, lassen es zu, dass die Tiere Tag frei wählen können zwischen Stall oder Weide. Sobald es im Rahmen der Vegetationszeit möglich ist dürfen unsere Tiere auf die Weide. In der Regel dauert die Weidesaison am Weinkirnhof von Ende März bis November. Somit stehen unsere Kühe weit mehr als die laut Bio-Verordnung vorgeschriebenen 180 Tage auf der Kurzrasenweide. Außerdem gibt es einen Winterauslauf, damit die Tiere zu jeder Jahreszeit aus dem Stall können.